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„Die Frauen gehören dort zur Basis und feiern dieselben Erfolge wie die Männer“

Unser Kaffee-Partner Pacha Mama erzählt Erfolgsgeschichten von 5 Kaffeefrauen aus Peru: warum sie den Männern dort in nichts nachstehen, was ein Café damit zu tun hat und warum alle immer wieder auf dem Dorfplatz landen

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Gesichtslos aussagekräftig: dieses Bild ist bereit, die Gesichter aller (Kaffee-)Frauen in sich aufzunehmen, die ihr Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen.

Frauenquote. Als wir dieses Wort ausgesprochen haben, spüren wir förmlich, wie sich auf der anderen Seite des Telefons die Augenbrauen leicht amüsiert nach oben ziehen. Am zweiten Hörer, in München, sitzt Margot Knauer. Von ihr möchten wir etwas über die Verhältnisse erfahren, unter denen die Kaffeefrauen der Kooperative Satinaki in Peru leben und arbeiten. Und Margot muss es wissen.

Sie ist Kaffeehändlerin der Marke Pacha Mama. Mindestens einmal im Jahr besucht sie mit ihrem Mann und Firmenpartner Walter Knauer das Dorf Miguel Grau und nimmt sich Zeit, den HerstellerInnen zuzuhören, herauszufinden wo sie Unterstützung brauchen und inzwischen vertraute Menschen wiederzusehen. „Eine Frauenquote, wie man sie bei uns diskutiert, braucht es nicht in Miguel Grau“, sagt sie schließlich. „Frauen gehören dort zur Basis. Sie feiern dieselben Erfolge wie die Männer, Gleichberechtigung wird dort völlig selbstverständlich gelebt.”

Frau mit Hut blickt seitlich in die Kamera und lacht
Margot Knauer, Kaffeehändlerin von Pacha Mama.

 

Völlig selbstverständlich – in anderen Kaffeegebieten der Welt ist es das eben nicht. Margot weiß das natürlich. Gerade deshalb sei es ihr wichtig, die Erfolgsgeschichten dieser Kaffeefrauen zu erzählen und zu zeigen, wie es auch sein kann.

Wir schalten den Hörer auf laut. So fällt es uns leichter, all die Namen zu notieren und die Geschichten, die Margot auf Anhieb einfallen und zeigen, wie erfolgreich Frauen sein können und wie erfolgreich sie das mit Kaffee sein können…

 

Die Expertin: Aurelia Gamarra Quispe

Miguel Grau ist kein Dorf, wie wir es uns vorstellen. Die wenigsten der 56 Familien wohnen um den großen Dorfplatz. Die meisten wohnen verstreut im dicht bewaldeten, abgelegenen Hochland Perus. Und auch wenn manche teilweise 1,5 Stunden zu Fuß zum Dorfplatz brauchen – sie suchen ihn regelmäßig auf. Dort spielt sich das soziale Leben ab: mal ist er Pausenhof für die Kinder aus Grundschule und Kindergarten, mal Fußballplatz, mal Versammlungsort. Direkt am Dorfplatz ist auch das Kaffeelabor, Arbeitsplatz von Qualitätsmanagerin Aurelia Gamarra Quispe.

Frau beugt sich über Tassen mit aufgebruehtem Kaffee
Kaffee-Expertin und Qualitätsmanagerin Aurelia Gamarra Quispe hat uns bereits besucht.

Auf ihrem Tisch landet jede einzelne Ernte von Miguel Grau. Zur Erntezeit steht Aurelia an die neun Stunden im Labor, um eine Probe nach der anderen zu rösten, zu verkosten und zu bewerten. Ihr Urteil wird akzeptiert, auch wenn es mal nicht so gut ausfällt. Die Agraringenieurin und Q-Graderin – eine sehr spezielle Kaffeeprofession – ist respektiert als Expertin und eine Top-Adresse für professionellen Kaffee-Rat. Nebenbei bewirtschaftet sie eine eigene Finca und ist Mutter einer kleinen Tochter, die sie immer ins Labor mitnimmt.

Mit Aurelia sitzt eine Frau an einer Stelle, die für die Kooperative bedeutsam ist. „Unter anderem Aurelias kritischer Blick auf die Qualität macht sich für die ganze Gemeinschaft bezahlt,“ urteilt Margot, „denn sehr guten Kaffee lassen wir uns gerne was kosten.“ Vor acht Jahren steckte das Kaffeedorf in einer wirtschaftlichen Notlage.

Zusammen mit Pacha Mama als neuem Partner arbeiteten sich die HerstellerInnen wieder nach oben und stehen mit ihrer Kooperative Satinaki heute besser da als je zuvor und besser als umliegende Kooperativen. Jahr für Jahr erzielen sie höhere Preise. „Die Situation hat sich für alle extrem verbessert. Aktuell bauen sich drei Familien ein neues Haus, so etwas ist jetzt wieder möglich“, berichtet Margot. Aurelia hat sich übrigens auch eins gebaut. Direkt am Dorfplatz.

 

Die Mutige: Mariluz Montes

Selbstvertrauen, Überzeugung und Optimismus sind grundlegende Dinge, um einen Weg erfolgreich zu gehen. Mariluz Montes aus Miguel Grau ist ein Beispiel dafür. Die junge Alleinerziehende lebte eine Zeit in Lima und leitete dort eine Tankstelle. Es war jedoch nicht, was sie sich vom Leben wünschte. Sie sparte 1.000 Dollar zusammen und investierte in ihren Traum: eine Kaffee-Karriere. „Das war eine unglaubliche Summe für sie, aber sie hat sie alleine aufgebracht“, sagt Margot. Mariluz machte eine Ausbildung zur Catadorin, einer geprüften Kaffee-Verkosterin, ihre Mutter übernahm derweil die Kinderbetreuung. Heute steht sie als Fachfrau neben Aurelia im Qualitätslabor und trägt Verantwortung.

Frau steht in Kaffeelabor vor Kaffeeglaesern
Kaffeefrau und Catadorin Mariluz Montes beweist jungen Frauen, dass sie mit Ausdauer und Mut ihren Weg selbstbestimmt gehen können.

Margot verfolgte ihren Werdegang mit Bewunderung. Die Kaffeehändlerin sieht darin mehr als nur eine persönliche Erfolgsgeschichte. „Mariluz ist ein Vorbild für junge Frauen. Sie beweist, dass es sich lohnt, mutig zu sein, in die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und dass auch Frauen zu angesehenen Größen werden können“, sagt sie. Gleichzeitig steht Mariluz für eine Entwicklung. Sie steht für das Ende der Landflucht in Miguel Grau. „Junge Menschen sehen: Kaffee bietet wieder eine attraktive Zukunft.“

 

Die Fortschrittliche: Senilda Quispe

56 Familien stehen gerade für Satinaki. Um all ihre Belange und Interessen kümmert sich eine Frau. Ihr Name ist Senilda Quispe. Sie ist die gewählte Präsidentin, die der Kooperative vorsteht, zusammen mit David Fundes, der in der Position des Managers Verwaltungsaufgaben übernimmt. Diese Besetzung spiegelt die Struktur innerhalb der Kooperative wider: 50% der Mitglieder sind Frauen. Um ganz genau zu sein, sind es sogar noch ein bisschen mehr.

Das sei schon lange so, sagt Margot. Wesentlich dabei sei, dass die Frauen auch die Grundstücksrechte der Fincas besitzen, die sie bewirtschaften. „Frauen werden in Satinaki als gleichberechtigte Mitglieder wahrgenommen. Jede Person zählt mit ihrer Kompetenz und um ihrer selbst willen, nicht mit ihrem Geschlecht“, beschreibt Margot das Klima in Miguel Grau.

lachende Frau mit Hut vor Stellagen im Hintergrund mit Kaffeebohnen
Senilda ist eine der Größen in Miguel Grau, die von Frauen wie Männern als kompetente Person um Rat gefragt wird.

Frauen wie Senilda festigen dieses Bild mit den Erfolgen, die sie durch ihr Wirken erzielen. In Senildas Amtsperiode fällt z.B. die verstärkte digitale Ausstattung der Kooperative, die sich v.a. während der Pandemie als wertvoll erwies. Zum einen konnten die Mitglieder sich untereinander besser bzw. weiter austauschen, zum anderen waren sie froh, dass man Kontakte mit Kunden über Zoom-Meetings aufrechterhalten konnte.

Frauen seien in Miguel Grau schon lange gleichberechtigt, über die Jahre seien sie jedoch deutlich selbstbewusster geworden, stellt Margot fest: „Durch ihre eigenen Erfolge als Business-Kaffeefrauen und weil sie so leuchtende Vorbilder haben, starke Frauen wie Senilda, die alles meistern.“ Senilda, Mutter einer Zwölfjährigen und Besitzerin einer Finca, reiht sich als Präsidentin ein in eine Folge von Frauen, die bereits vor ihr dieses Amt hatten. In diesem Jahr wird es neu vergeben – es wird wieder eine Frau.

 

Die Ratgeberin: Mari del Carmen

Kommt Besuch aus dem Ausland, braucht man einen Übersetzer oder lebensklugen Rat, sucht man Mari del Carmen auf. Mari ist wie viele Frauen in Miguel Grau Mitglied von Satinaki mit einer eigenen Finca und greift gleichzeitig auf einen ganz anderen Erfahrungsschatz zurück. Sie lebte längere Zeit im Ausland, spricht deshalb mehrere Sprachen, sammelte Erfahrungen mit anderen Kulturen und Mentalitäten. „Die Leute wissen Maris Lebenserfahrung zu schätzen“, berichtet Margot.

Frau steht mit Korb um Huefte vor Kaffeepflanze und pflueckt Kirschen
Mari del Carmen ist als Ratgeberin gefragt.

Um das besser einordnen zu können, beschreibt sie uns den „enormen Weltenunterschied“, den Mari überbrücken kann: „Ein paar aus dem Dorf waren schon mal in Lima, für die meisten aber besteht die Welt aus Miguel Grau, seiner Grundschule und der weiterführenden Schule, die 45 Auto-Minuten entfernt im nächsten Dorf liegt. Nur manche ziehen hinaus, um was anderes zu lernen.“ Mari ist verheiratet mit Michael Scherff, der als Mitgründer von Pacha Mama und Dauer-Vor-Ort-Betreuer die Kooperative fördert und mitanpackt. Sie lebt mit ihm längere Zeit in Miguel Grau, v.a. während der Ernte und nimmt als Ratgeberin teil an allen wichtigen Meetings.

 

Die Vielseitige: Blanca Fundes

Wer Miguel Grau besucht, wird früher oder später Blanca Fundes begegnen. Sie ist einer jener Menschen, die mit ihrer Souveränität, ihren vielfältigen Talenten und ihrer Tatkraft das Wesen einer ganzen Gemeinschaft prägen. Ursprünglich war die Finca-Besitzerin Krankenschwester. Das macht sie zu einer enorm wichtigen Person. „Wer medizinische Hilfe braucht, geht zu Blanca“, sagt Margot. Besonders bei akuten Fällen sei sie wertvoll. Den nächsten Arzt erreiche man erst nach einer knappen 45 Minuten Autofahrt, und dann auch nur nachmittags.

Frau mit Strohhut und Korb um Huefte blickt in Kamera und erntet Kaffeekirschen von Strauch
Blanca Fundes ist eine Institution in Miguel Grau und eine der leuchtturmähnlichen Figuren, die jungen Frauen Vorbilder sind.

Durch ihre Arbeit im Krankenhaus hat Blanca auch Erfahrungen in juristischen Dingen und Verwaltungsfragen gesammelt. Nicht nur ideal für eine Präsidentin, die sie für Satinaki bereits war. In ihren Händen liegt auch die Führung für das neueste Dorfprojekt: das Café Elisa.

Zwölf Frauen riefen es ins Leben, weil immer mehr Gäste Miguel Grau besuchten. Wollte man ihnen Kaffee anbieten, musste den immer Aurelia im Labor zubereiten. Die Frauen wollten das ändern mit einem Café, das Gäste aufnimmt, gleichzeitig den Schulkindern eine Mittagsküche bietet und der ganzen Dorfgemeinschaft offensteht. Um alles wasserdicht festzuzurren, gründeten die Kaffeefrauen eine richtige Firma – mit Blanca als Geschäftsführerin. „In Peru eine Firma zu gründen, ist sehr kompliziert“, weiß Margot. Blanca sei es gewesen, die all die schwierigen Behördengänge erledigte.

Für das Café selbst wurde ein neues Gebäude direkt am Dorfplatz errichtet. Das Baumaterial organisierten die Frauen, die Arbeit leistete das Dorf. Diese Frauen-Power fand großzügige Unterstützung. Eine Kaffeerösterin aus Wuppertal spendete Geld für eine professionelle Barista-Ausstattung. Der nötige Strom für das Café kommt aus der grünen Steckdose einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, eine Spende der Murnauer Kaffeerösterei. Er reicht sogar aus, um auch das Labor daneben zu betreiben.

 

Fast zwei Stunden sind vorbei, als Margot feststellt, dass sie jetzt leider Schluss machen müsse. Die Kaffeehändlerin schickt uns ihr Bedauern durch den Hörer. Es gäbe noch so einige interessante Geschichten zu erzählen. In ihrer aufrichtig herzlichen Art, die wir von ihr gewohnt sind, verknüpft sie ihre verabschiedenden Worte mit einem Versprechen: die nächste Reise nach Miguel Grau ist bereits in Planung. Die wolle sie mit uns gemeinsam antreten. Und dann lade sie uns ein auf einen Kaffee – im Café Elisa.