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Aufgewachsen im und mit dem elterlichen Radio- und Fernsehgeschäft ist er seit mittlerweile gut 40 Jahren in der Elektro-Reparaturbranche tätig. Es ist sein großes Ziel, die “alten Gebräuche” des Reparierens wiederzubeleben. Dazu will er neue und bestehende Fachwerkstätten und deren Zusammenschlüsse zu Netzwerken anstoßen. So soll in den zunehmend auf das “Wegwerfen” ausgerichteten globalisierten Märkten das Reparieren von Elektrogeräten wieder zur ökologisch und wirtschaftlich sinnvollen Alternative zum endgültigen Entsorgen werden. Hierzu strebt er nicht weniger als die Reparaturrevolution an. Darüber haben wir mit ihm gesprochen:

“Herr Vangerow, Sie haben die Kampagne “Reparatur-Revolution” ins Leben gerufen. Was darf man sich darunter genau vorstellen?”

D.V. “Es kann nicht sein, dass Hersteller dem Verbraucher durch ihre Ersatzteilpolitik oder Softwareobsoleszenz die Lebenszeit seiner Geräte vorschreiben können. Dies sind nur zwei Beispiele, wie Hersteller oder Handel die Lebenserwartung von Geräten beschneiden.

Der mündige Verbraucher muss doch die Möglichkeit haben seine Geräte, solange es ihm sinnvoll erscheint, betreiben zu können. Deshalb fordern wir ein Recht auf Reparatur durch ein Gesetz, in dem faire Bedingungen für Reparaturen festgeschrieben werden.

Eine Revolution ist ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt.

Genau das brauchen wir.”

“Aber hört man nicht immer wieder von Fachhändlern, dass sich Reparaturen heute nicht mehr lohnen – weder für den Kunden noch für den Betrieb?”

D.V. “In den letzten zwanzig Jahren hat sich ein schleichender Wandel weg von der Reparatur vollzogen. Unbemerkt wurde dem Verbraucher beigebracht, dass sich Reparatur nicht lohnt – vor allem, wenn die Kosten für eine Reparatur und die Neuanschaffung eines Produktes in keiner vernünftigen Relation stehen.

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, lohnt sich die Reparatur aber fast immer. Hersteller verhindern z.B. durch überzogene Ersatzteilpreise Reparaturen. Dies ist eine Katastrophe für Umwelt und Verbraucher.”

“Lassen sich bestimmte Arten von Elektrohausgeräten nennen, bei denen die Reparatur besonders sinnvoll und lohnend erscheint?”

D.V. “Die Stiftung Warentest hat sich in ihrer Aprilausgabe 2017 mit der Reparatur von Kaffeemaschinen, Waschmaschinen und Staubsaugern beschäftigt. Das Urteil ist ziemlich eindeutig: Die Reparatur von Kaffeemaschinen lohnt sich finanziell fast immer, bei Waschmaschinen weniger, aber für die Umwelt ist die Reparatur immer ein Gewinn. Vor allem bei Waschmaschinen. Wir haben in einer Studie mal erhoben, dass die in einem Jahr reparierten Haushaltsgroßgeräte aneinander gereiht eine Strecke von fast 1.080 km ergeben würde – von Stuttgart nach Berlin und wieder zurück!”

“Wie verhält es sich mit Kaffeemaschinen und speziell mit den boomenden Vollautomaten?”

D.V. “Da Kaffeevollautomaten einen meist hohen Anschaffungspreis haben, lohnt sich eine Reparatur meistens. Durchschnittlich fällt ein Kaffeevollautomat in zehn Jahren dreimal aus. Ihn jedes Mal reparieren zu lassen kostet bei den typischen Defekten insgesamt weniger, als jeweils beim ersten Schaden einen neuen zu kaufen, so das Ergebnis der Stiftung Warentest-Untersuchung.

Dazu kommt, dass viele Verbraucher ihre alte Maschine oft schätzen und sich ungern von ihr trennen.”

„Welche ökologischen Aspekte sprechen für die Reparatur contra Neukauf?“

D.V. “Seit ca. 20 Jahren sind wir an die physikalischen Grenzen der Machbarkeit von Energie- und Wasserersparnis gekommen. Wäsche muss noch immer nass werden und das Wasser dazu muss zumindest noch ein paar Grad Temperatur haben. Wo soll da noch Ersparnis herkommen?

Deshalb ist heute das Thema Ressourceneffizienz in den Vordergrund gerückt. Und da gibt es heute kaum eine Situation, in der eine Reparatur und die Lebensdauerverlängerung des Gerätes nicht besser für die Umwelt wäre als die Neuproduktion.”

“Wie bringen Sie Angebot und Nachfrage, Kunde und qualifizierten Reparaturbetrieb, zusammen?”

D.V. “Früher haben Verbraucher überwiegend in den Gelben Seiten geschaut, wenn sie eine Werkstatt gesucht haben, heute bestimmt Google, wer in den Fokus der Verbraucher rückt. Im Internetmarketing jedoch immer auf dem aktuellsten Stand zu sein und die Chancen effizient zu nutzen, ist für den einzelnen Handwerksbetrieb aber gar nicht so einfach.

Über unser Portal “www.meinmacher.de” bringen wir reparaturwillige Verbraucher und qualifizierte Reparaturbetriebe zusammen. Alle bei MeinMacher gelisteten Betriebe müssen eine profunde technische Qualifikation bzw. einen Eintrag in die Handwerksrolle nachweisen.”

“Wo steht Ihre Bewegung heute, wenn man es in Zahlen ausdrücken wollte?”

D.F. “In unserem Portal “www.meinmacher.de” sind derzeit rund 1.000 Fachhändler und Reparatur-Dienstleister gelistet. Die Seite hat über 200.000 Such-Anfragen pro Monat, Tendenz steigend.”

“Wie ist es um die politische Unterstützung Ihrer Initiative bestellt?”

D.V. “Ich habe den runden Tisch Reparatur gegründet. An diesem sitzen heute Vertreter von Umweltverbänden, Verbraucherschützer, Vertreter der reparierenden Wirtschaft, herstellenden Industrie, Wissenschaft und Reparaturinitiativen.”

“Gibt es Unterschiede und/oder Gemeinsamkeiten zwischen Ihrer Initiative und den in letzter Zeit immer populärer werdenden Repair-Cafés?”

D.V. „Wir haben bei uns im Haus selber auch ein Repair-Café, das einmal im Monat geöffnet hat, und begrüßen diese Initiative sehr. Beide haben ihre Berechtigung und können sich hervorragend ergänzen. Im Prinzip wollen beide ja das Gleiche: Reparieren. Allerdings ist die Reparatur im Repair-Café eine ehrenamtliche Leistung, während eine professionelle Werkstatt damit ihr Geld verdienen muss. Darüber hinaus gibt es z.B. Unterschiede bei den Öffnungszeiten, den Geräten, die repariert werden und womöglich der Qualifikation der Techniker. Vor allem bei älteren Geräten, bei denen die Reparatur in der Fachwerkstatt im Vergleich zu einem Neukauf unverhältnismäßig teuer ist, lohnt es sich im Repair-Café vorbeizuschauen. Ansonsten gehört es aber auch zum „guten Ton“ der Repair-Cafés, den Werkstätten, die davon leben müssen, nicht die Existenzgrundlage zu nehmen.”

“Herr Vangerow, zum Schluss eine vielleicht etwas heikle Frage: Gibt es die geplante Obsoleszenz?”

D.V. “Geplante Obsoleszenz ist strafbar und das Umweltbundesamt hat in einer Untersuchung keine Hinweise auf diese gefunden.

Allerdings gibt es laut UBA einen Zusammenhang zwischen Preis und Qualität. Hersteller haben aber durch viele andere Maßnahmen die heute akzeptiert und legal sind einen großen Einfluss auf die Lebenserwartung der Geräte. Und davon machen diese regen Gebrauch.

Deshalb halte ich die Debatte zur Obsoleszenz irreführend, denn diese führt an den tatsächlichen Problemen vorbei.”

“Vielen Dank für dieses Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin allen erdenklichen Erfolg zum Gelingen Ihrer Revolution.”

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Wir sind überzeugt davon, dass die Reparatur-Revolution wichtig ist und es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Doch nur wenn viele Menschen in diesem Sinne handeln, kann auch viel bewegt werden!

Informationen zu dieser Initiative und zu Reparaturbetrieben in Ihrer Nähe finden Sie hier in der Infobox:

www.meinmacher.de

www.reparatur-revolution.de

www.runder-tisch-reparatur.de