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Mit Will Young über Kaffee einfach nur zu plaudern, geht nicht. Dieser Mann übt eine derart packende Wirkung aus, dass man sofort mit ihm auf die nächste Finca möchte, um reife Kaffeekirschen zu pflücken. Vor knapp 20 Jahren hatte der Australier seine Kaffeeerleuchtung. Seither hat sich Wills Leben von Grund auf verändert – und er die komplette australische Kaffeekultur. Am allermeisten liegt ihm die Philosophie von Coffee Campos am Herzen: Kaffee schmeckt nur dann, wenn man weiß, dass es ein faires Produkt ist von Anfang bis Ende. Diese Überzeugung trägt er mit festem Herzen in die Welt und ist im Begriff, den Kaffeemarkt wegweisend zu verändern…

Sie nennen einen ziemlich genauen Zeitpunkt auf Ihrer Website, an dem Ihre Kaffee-Karriere begann: 12. Juli 1997, 14.07 Uhr. Was genau ist da passiert?

Will Young: Ich war bei Freunden, wir sahen uns ein paar Folgen Twin Peaks an. Irgendwann brauchte einer eine Kaffeepause. Gezwungenermaßen ging ich mit. Kaffee kannte ich bis dahin nur als heiße, bittere Brühe, die ich nur mit viel Zucker und Milch verkraften konnte. Ich hatte einen Flat White, den wollte ich zuckern, der Barista ermutigte mich aber, ihn erst mal so zu probieren. Und das war’s dann: was ich da geschmeckt habe, war unglaublich! Da war gar nichts bitter, die Temperatur war gut, ich schmeckte Schokolade und andere wundervolle Aromen. Es war ein so besonderes Erlebnis! Von da an begriff ich, was guter Kaffee ist, und das wollte ich anderen unbedingt zugänglich machen.


Ich bin auf ein interessantes Zitat gestoßen: „Wenn ein Mann verantwortlich ist für den Aufstieg australischer Kaffeekultur, dann ist es Will Young von Coffee Campos.“ Unterschreiben Sie das?

Will Young: In gewisser Hinsicht stimmt das schon. Zum einen haben wir Kaffee moderner gemacht und einen eigenen australischen Standard eigenführt. In Australien wird nach italienischem Standard zubereitet, bei dem 7 g pro Kaffeeeinheit verwendet werden. Bei unserer australischen Einheit verwenden wir 12 g, und das verbreitet sich immer mehr. Außerdem wollten wir dem Kaffee unbedingt mehr Kaffee hinzufügen. In Australien wird er mit viel Milch und Flavour-Shots getrunken, sodass man vom Kaffee nichts mehr schmeckt. Das haben wir geändert. Das Schöne ist, dass die Australier sehr offen sind für Neues, kaum jemand hält verbissen an Traditionen fest.

Neben der Veränderung der australischen Kaffeekultur hat sich Coffee Campos v.a. einen Namen gemacht mit seiner herausregenden Philosophie eines sozialen Kaffeehandels. Werte wie Fairness, Respekt, Verantwortung und Umweltschutz stehen ganz oben. Das klingt anspruchsvoll. Klappt das immer?

Will Young: Es ist zweifelsohne anstrengend, aber es klappt. Immer. Alles beginnt mit unseren Partnern ganz am Anfang. Qualitätskaffee kann nur wachsen mit Zeit, Pflege und Hingabe, da darf es keine Abstriche geben. Deshalb gehen wir direkt zu den Produzenten, lernen sie, ihre Kooperativen und ihre Familien persönlich kennen und knüpfen Bande des Vertrauens. Wir überzeugen uns selbst von der Qualität, den Anbaumethoden und davon, wie das Geld der Gemeinschaft zugutekommt. Und wir vergeben grundsätzlich nur Verträge von mindestens drei Jahren. Das zeigt den Herstellern, dass wir sie wertschätzen, und sie haben die Sicherheit, dass sie sich nicht von einem Jahr zum nächsten hangeln müssen ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Das ist sozial und ein wichtiger Aspekt für uns.

will at origin 2 300x199 1 - Der Weltverbesserer - Wie Will Young die Kaffeewelt sozialer macht

Heißt das, dass Sie ständig vor Ort sind, um all das zu prüfen?

Will Young: Ich selbst bin sechs bis acht Mal im Jahr unterwegs. Wir haben aber auch ein Team, das 365 Tage im Jahr vor Ort ist. Meine Mitarbeiter verkosten, rösten, arbeiten ständig mit den Herstellern an der Qualität und achten darauf, dass sämtliche unserer sozialen Projekte umgesetzt werden. Das ist die ultimative win-win-Situation.

Weil bessere Qualität bessere Preise erzielt?

Will Young:
Ganz richtig. Davon profitieren die Farmer und können wiederum in die Arbeitsgemeinschaft investieren, das ist ein positiver Kreislauf. Und wir bekommen immer besseren Kaffee, der nicht nur schmeckt, sondern den Lebensstandard der Farmer auf lange Sicht anhebt. Auf diese Art von Kaffeebusiness sind wir sehr stolz und sie ist für uns nicht verhandelbar.


Mit dieser Einstellung haben Sie von sich reden gemacht: der fixe Mindestpreis, den Sie Farmern bezahlen bei einem globalen Fall des Kaffeepreises, ist ein herausragendes Merkmal von Coffee Campos. Ist das der eigentliche Kern von Coffee Campos?


Will Young:
Der Mindestpreis ist ein Teil des Kerns, ja. Wir glauben unerschütterlich daran, dass es die Pflicht egal welchen Unternehmens ist, an einer besseren Gesellschaft mitzuwirken. Coffee Campos übernimmt gerne die Verantwortung, so eine gut wirkende Kraft zu sein für soziales Wohl. Das heißt für uns, dass wir den Farmern einen wirklich guten Preis zahlen und das gerne tun, gerade wenn der Kaffeepreis fällt, was immer wieder mal der Fall ist. Eine wirklich faire Philosophie bedeutet für uns mehr als nur schlechte Geschäftsmodelle zu vermeiden, sondern auf all unsere Partner zu achten. Das gilt nicht nur bei unseren Farmern, auch unseren anderen Mitarbeitern bieten wir gute Konditionen. Für mich ist es wichtig, dass auch meine Röster, Baristas etc. am Ende des Tages nach Hause gehen und sich und ihre Arbeit wertgeschätzt fühlen.

Wertschätzung vermitteln auch sämtliche Projekte, die Sie ins Leben gerufen haben. Welche Projekte sind das genau?

Will Young: Zum einen unterstützen wir unsere Café-Partner, die alle unsere Einstellung zu sozialem Kaffee teilen. Wir bieten unsere Hilfe an von der Eröffnung eines Cafés oder einer Rösterei über den Ausbau des Geschäftes bis hin zur Eröffnung weiterer Filialen. Wir haben ein fantastisches Café-Netzwerk, in dem sich alle gegenseitig helfen. Zum anderen haben wir mindestens ein Projekt in jedem unserer Kaffeeregionen. In Papua Neu Guinea haben wir eine Schule gebaut, für eine Kooperative in Kenia haben wir einen Traktor und hunderte Trocknungs-Anlagen angeschafft, wir sind Gründer des Programms von „Open Heart“, bei dem australische Herzchirurgen nach Ruanda schickt, um lebensrettende Operationen durchzuführen an Kindern, die sonst keinen Zugang haben zu Spezialisten, wir unterstützen ein großes Schulprojekt in Äthiopien für mehr als 1000 Schüler uvm.

Sie greifen auf einen fast 20-jährigen Expertenschatz zurück und sitzen in der Jury des Cup of Excellence. Wie, glauben Sie, könnte eine „Fourth Wave of Coffee“ in vielleicht 20 Jahren aussehen?

Will Young: Ich glaube, dass sich der Kaffeemarkt in mehrfacher Hinsicht ändern wird. Die Nachfrage nach Spezialitäten-Kaffee wie z.B. Geisha wird größer werden. Das wiederum heißt, dass mehr hochwertiger Kaffee direkt auf Auktionen gekauft wird. Und ich glaube, dass unsere Philosophie eines sozialen Handels Schule machen wird. Immer mehr Leute sind ja auch bereit, mehr für Kaffee zu zahlen, wenn er gut und fair gehandelt ist.

Coffee Campos gibt es seit fast 20 Jahren. Was sind die Pläne für die nächsten 20 Jahre?

Will Young: Angefangen haben wir mit anderthalb Mann, heute sind wir 185 Mitarbeiter. Vor vier Monaten haben wir nun auch in China einen Standort, wo ich Vorreiter sein möchte für guten Kaffee. Dieses Land ist in Sachen Kaffee noch ein unbeschriebenes Blatt Papier, wo sich leicht eine gute Kaffeekultur ohne Vorprägungen entwickeln kann. Ich hoffe, dass es so weiter geht, dass wir noch größer werden, um Baristas, Röster, kleine Betriebe und die Hersteller zu stärken, sodass die großen Händler, die sich an billiger Massenware orientieren, uninteressant werden. Der tiefere Sinn hinter dem ständigen Größerwerden ist, dass ich etwas verändern will. Wir arbeiten sehr hart für unsere Ideale, für eine höhere Sache wenn man so will, und ich möchte, dass wir mehr Einfluss haben, dass unsere Geschäftsphilosophie überall Schule macht, damit Fairness und Respekt die Kriterien werden, nach denen sich alles ausrichtet.

Letzte Frage: wie trinken Sie Ihren Kaffee am liebsten?
Will Young: Wir verkosten jeden Tag, und das ist eine wunderbare Sache. Am liebsten aber trinke ich morgens einen doppelten Ristretto ohne Zucker. Am wichtigsten ist mir aber immer die Gesellschaft. „Lass uns einen Kaffee trinken“ heißt mehr als nur etwas zu trinken, da steckt Beisammensein drin, Rituale, Innehalten, Kommunikation, auch das möchte ich mehr unter die Menschen bringen.