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Warmes Licht verwandelt das Wohnzimmer in einen wohligen Rückzugsort, wenn die Dämmerung langsam hereinbricht und die kalte Landschaft draußen in ihre Schatten taucht. Was gibt es da Schöneres, als in solchen Stunden den Tag mit einer guten Tasse Kaffee hinter sich zu lassen? Am besten noch bei guter Musik. Detlef Vangerow hat etwas geschaffen, womit er genau solche Momente täglich bis zum Letzten auskosten kann, und zwar auf ganz besondere Weise. Er repariert alte Röhrenradios aus den 50er und 60er Jahren und verpasst ihnen ein technisch modernes Update. Was bleibt, ist der Charme der alten Geräte und ihr unvergleichlich warmer Klang. Der Reparaturrevoluzzer hasst es, Dinge einfach wegzuwerfen. Er liebt es, an diesen alten Geräten herum zu tüfteln – und hat daraus gleich ein Projekt gemacht, das bereits viele Fans hat, darunter die Murnauer Kaffeerösterei.

 

Detlef Vangerow sitzt in seiner Werkstatt. Er hat ein Exemplar dieser uralten Röhrenradios vor sich, die die meisten nur noch aus alten Schinken kennen. Behutsam baut er den Mediendinosaurier auseinander, reinigt und poliert Gehäuse, Drehknöpfe, Zierleisten und prüft, was das Gerät noch hergibt. In all seinen Handgriffen liegt eine Art meditativer Ruhe, fast schon Ehrfurcht. „Hier spürt man noch ein Stück Geschichte, bei jedem einzelnen Gerät“, sagt er. Dann verpasst er dem Radio ein Update, das es WLAN- und cloudfähig macht und steuerbar über eine App, wenn gewünscht. Dann wird wieder alles zusammengebaut: ein gereinigtes oder neues Lautsprecher-Textil, ein restauriertes Gehäuse, dezent gewachst oder knallbunt lackiert, und vielleicht noch ein klein bisschen Schnickschnack. Herauskommt ein Unikat, wie es nirgendwo anders steht, mit demselben herrlich warmen Klang von Früher. „Das alles dauert ungefähr zehn Stunden, bei manchen Radios schon mal bis zu 20“, sagt Detlef Vangerow.

 

„Reparieren statt wegwerfen, das fühlt sich einfach gut an“

Warum gerade Röhrenradios einen so besonderen Platz im Herzen des Radio- und Fernsehtechnikmeisters haben, hat zwei Gründe. Erstens: er hasst es, Dinge wegzuwerfen! Eine bequeme Einstellung, die die Leute heute viel zu sehr im Griff hat, findet er, gerade aufgrund der völlig überteuerten Ersatzteilpolitik und der Obsoleszenz – also der geplante Verschleiß von Geräten auf Seiten einiger Hersteller. Seit über 40 Jahren ist er in der Elektro- und Reparaturbranche tätig und hat die Nase voll davon, dass Verbraucher von Handel und Herstellern über den Tisch gezogen werden. Manche finden sich einfach damit ab, ergeben sich der Wegwerfmentalität. Andere würden gerne etwas dagegen tun, kennen die Möglichkeiten aber nicht, die sie hätten. Deshalb will er neue und bestehende Fachwerkstätten und deren Zusammenschlüsse in einem Netzwerk vereinen und weiter ausbauen, um die Idee der Reparatur in den Herzen der Menschen wieder zu beleben.

 

Zweitens kann Detlef Vangerow gar nicht anders. Er wuchs auf in einem Familienbetrieb, einem klassischen Fachgeschäft für Elektrogeräte. „Mein Vater war ein richtiger Tüftler und hatte Freude daran, Dinge zu reparieren. Das habe ich von ihm geerbt“, erklärt er seine Leidenschaft. Seit seiner Kindheit sammelt er alte Unterhaltungsgeräte. Röhrenradios faszinierten ihn dabei am meisten. Mit dem zweifachen Duo-System war es schon damals revolutionär, erzählt er. Heute hat sich schon eine Art kleines Museum angesammelt, Musikanlagen aus den 50er und 60er Jahren machen den größten Teil davon aus. Sein Lieblingsgerät ist das Philips Jupiter von 1956. Damals musste man schon 346 D-Mark hinlegen – für einen durchschnittlichen Verdiener waren das fast zwei Monatsgehälter. „Es macht mich glücklich, diese besonderen Geräte technisch so aufzurüsten, dass sie ihre Seele behalten und trotzdem zukunftssicher sind, auch wenn UKW irgendwann abgeschaltet wird“, sagt er.

 

Selber reparieren: „Der emotionale Wert wird da gleich ein ganz anderer“

Damit setzt er seine Reparatur-Philosophie noch ein Stück mehr in die Praxis um. Und geht noch einen Schritt weiter, indem er Workshops anbietet, in denen er Menschen anleitet, wie sie das selber machen können und zeigt, wie gut sich reparieren anfühlen kann. Da sind sogar auch Dinge möglich wie der Einbau eines Raspberry, ein Einplatinencomputer. „Da haben wir viel getestet und mittlerweile sehr viel Erfahrung“, berichtet er. Außerdem hält er es für eine tolle Sache, wenn jemand das Radio seiner Großeltern selber aufbereiten kann. „Damit bekommt es doch einen viel höheren emotionalen Wert. Techniker wissen vielleicht schon viel über die Reparatur an sich, haben aber vielleicht Fragen zu Ersatzteilen. Gerne teilen wir unser Wissen mit ihnen“, erklärt er seine Idee.  Wer sich dafür interessiert, findet Kontaktdaten und Info unter www.vangerow.de.

 

Wenn Detlef Vangerow am Ende wieder alles zusammengebaut hat, kommt der Moment, der für ihn am schönsten ist. Er setzt sich hin, schaltet das Radio ein, lehnt sich zurück und freut sich nach getaner Arbeit am Klang, der den gesamten Raum durchströmt und aufwärmt. Weil er sich daran freut, das mit anderen Menschen teilen zu können, leiht er der Murnauer Kaffeerösterei ein Röhrenradio seiner Sammlung, um den Kaffeegenuss noch ein Stück besonderer zu machen. Ein wunderbar warmer Klang, gerade zur kalten Jahreszeit eine richtig entspannende Sache…