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Von der heimlichen Verbindung zwischen Murnau, Kaffee und Ödön von Horváth

„Des is‘ a Dichter, der werd no amoi was!“ Diese Worte stammen von einer Kellnerin, die Ödön von Horváth häufig bediente. Amüsant, nicht wahr? Doch was machen Horváth und die Kellnerin in unserem Kaffee-Blog? Besagte Kellnerin arbeitete in einer der vielen Murnauer Gaststätten, öffentlichen Orten der Geselligkeit, in denen sich Horváth oft und gerne aufhielt – und in Cafés. Horváth sprach dem Kaffee zu, dafür gibt es Belege. Da liegt die Vermutung nahe, dass er unser Murnauer Kaffeehaus sicher auch besucht hätte. Die Horváth-Tage im November hier in Murnau gaben uns den Anstoß, der Verbindung zwischen Horváth, Murnau und Kaffee genauer nachzuspüren.

Horváth liebte die “Beiserln” und beobachtete die Menschen

Gabi Rudnicki blättert in einem dicken Wälzer. Die Vorsitzende der Ödön-von-Horváth-Gesellschaft hat den Aufsatz schnell gefunden. Da geht es um „Horváth und die Wirtshäuser im oberbayerischen Murnau“, sie selbst hat ihn verfasst. Darin schreibt sie über Horváths Vorliebe für kleine „Beiserln“, also kleine Wirtshäuser und Cafés. „Als Kind und Jugendlicher war er – bedingt durch die diplomatische Tätigkeit des Vaters – zu häufigen Ortswechseln in großen Städten gezwungen. Er hasste große Bars und Cafés. Die kleinen Lokalitäten mit den einfachen Leuten waren der Gegenentwurf zur eleganten Welt der Eltern und boten eine Art Kontinuum im bewegten Leben des jungen Mannes.“ Dort saß er stundenlang, unterhielt sich mit Leuten oder traf sich mit Freunden wie dem Schriftsteller Carl Zuckmayer oder mit der Schauspielerin und antifaschistischen Aktivistin Hertha Pauli. Meistens aber zog er sich zurück und beobachtete die Menschen, schrieb beständig in sein Notizbüchlein, so berichteten Einheimische. Die Beobachtung von Menschen wurde zu einem ausnehmend wichtigen Teil seines Schaffens. So wurde Murnau mit seinen Lokalen „zu einem Arbeitsort, einem Ort der Inspiration für sein Werk“. Da verwundert es auch nicht, dass Horváth Wirtshäuser, Parks und Straßen zu Schauplätzen in seinen Dramen und Romanen macht. Und auch Kaffeehäuser. „Kaffee macht eben schnell Geselligkeit“, sagt Gabi Rudnicki.

Murnau und seine Kaffeehäuser in Horváths Werk verewigt

Ödön von Horváth wusste um diese Bedeutung von Kaffee. In seinem Werk stößt man immer wieder auf Stellen, in denen er eine Rolle spielt oder in denen ein Café Ort des Geschehens ist. Wie z.B. im Theaterstück „Rund um den Kongreß“:

FERDINAND Jetzt trink ich, zum Beispiel, ein Tässchen Kaffee und wenn ich den lieben Gott verdoppeln könnte, dann wärs ein Kännchen. Es dreht sich oft nur um ein Kännchen im menschlichen Leben.

ALFRED Jawohl.

FERDINAND Ich hab viel vom Leben gelernt und hätt nichts dagegen, wenn ich mir ein Kännchen bestellen könnt.

(…)

FERDINAND Ich verkauf jede, nur jene nicht. (…)

ALFRED Kusch! (…) Du tust doch alles nur um das Kännchen—

FERDINAND Ja, das Kännchen.

ALFRED Denk real und reell! Tasse oder Kännchen?

(Pause)

FERDINAND (nach innerem Kampfe) Tasse!

In dem Stück symbolisieren für Ferdinand “Tasse” und “Kännchen” Armut und Reichtum. „Kaffee nimmt Horváth als Mittel, um dieses Verhältnis darzustellen. Als Kaffeetrinker wusste er, dass Kaffee nicht eben günstig war“, erörtert Gabi Rudnicki. Alfred, Ferdinands Bruder und Gegenspieler, versucht, ihn zu einem Mädchenhandel zu bewegen, mit dem Ferdinand schnell viel Geld machen und sich sogar eine Kaffeeplantage leisten könnte. Ferdinand entscheidet sich aber letztlich für die “Tasse”, als er bemerkt, dass er das zu verkaufende Mädchen persönlich kennt. Happy End: Ferdinand und das Mädchen werden ein Paar. Die Frage des Kellners nach Tasse oder Kännchen wiederholt sich im Stück übrigens mehrfach, sodass Kaffee zu einer Art existenziellen Metapher wird.

Auch in anderen Stücken spielen Kaffee und Cafés immer wieder eine Rolle. Im Theaterstück „Zur schönen Aussicht“ z.B. schuf Horváth aus dem früheren Aussichtslokal Fürst-Alm auf dem Murnauer Dünaberg in der Nähe des berühmten Münter-Hauses steht und auch aus Otto Steigers Wein- und Kaffee-Restaurant in der heutigen Bahnhofstraße einen Schauplatz, für den Kellner Max darin stand ein realer Kellner Pate:

MAX (in Hemdsärmeln; sein Kellnerfrack liegt neben ihm auf dem Pulte der Portierloge; er liest Zeitung, frisst Brot und schlürft aus einer großen Tasse Kaffee)

„Horváth war bestimmt beim Pöltl und im Café Forster“

Und wie stand der Literat nun zu Kaffee selbst? „Horváth starb so jung, deshalb gibt es kaum autobiographische Aussagen oder Zitate, wie es sie von anderen Schriftstellern gibt“, sagt Gabi Rudnicki. Es gibt jedoch eine Reihe von Indizien, die neben Fotos belegen, dass er nicht nur gerne in Cafés saß, sondern Kaffee auch gerne trank. Man weiß z.B. von regelmäßigen Aufenthalten im berühmten Romanischen Café in Berlin mit Geza von Cziffra, in Wien im Café Museum mit Hertha Pauli, ferner war er Stammgast in einem Café nahe dem Praterstern, das größtenteils von kleinwüchsigen Menschen besucht wurde. „Ödön trank dort seine Schale Braun“, hielt der Schriftsteller Ulrich Becher fest.

Für Murnauer Kaffeehäuser sind Besuche zwar nicht nachweislich belegt, sie liegen jedoch sehr nahe. „Die Horváths waren eine begüterte Familie, hatten viele Gäste und gingen mit denen aus“, sagt Gabi Rudnicki. Es gab die Fürst-Alm, Otto Steigers Wein- und Kaffee-Restaurant und auch das Kaffeehaus Forster, das heute die Familie Krönner betreibt und das Horváth und seine Familie sicher besucht haben, vermutet Gabi Rudnicki. Zudem wollen Nachbarn die Horváths auf ihrer Terrasse beim Kaffeetrinken beobachtet haben, sie berichten explizit von „Kännchen“ auf dem Tisch. Das legt für Gabi Rudnicki einen weiteren Schluss nahe. „Kaffee in dieser Zeit zuhause trinken, bedeutete Luxus, weil er teuer und nicht leicht zu bekommen war. Damals gab es ja noch keine Supermärkte, wo man schnell mal Kaffee kaufen konnte“, sagt Gabi Rudnicki. Jedoch gab es in Murnau das Geschäft Pöltl, in dem es auch Kolonialwaren zu kaufen gab – wie Kaffee. „Die Horváths gingen in der Murnauer Marktstraße Einkaufen. Vermutlich haben sie auch dort eingekauft“, meint sie.  

“Horváth hätte hier sicher seine Freude gehabt”

Für den feinsinnigen Betrachter Horváth mag also eine schlichte Tasse Kaffee Anfang gewesen sein für eine Reihe von inspirierten Gesprächen, Ideen und Werken. In unserem Kaffeehaus beobachten wir immer wieder, wie Menschen sich über die Tische hinweg in Gespräche verwickeln, Bekanntschaften schließen und diskutieren. Horváth hätte sicher seine Freude daran gehabt…