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In der Murnauer Kaffeerösterei ist Spezialitätenkaffee handgemacht

DSC4864_www.strohwasser-licht.de_Unserer Hände Arbeit
Ohne unsere Hände wären wir ganz schön aufgeschmissen: Sie kochen morgens unseren Kaffee, schnüren unsere Schuhe, streichen über nasses Frühlingsgras, lassen uns durch den See schwimmen… Sie sind unsere direkte Verbindung mit der Welt um uns herum. Kein Wunder, dass das Wort in seiner ursprünglichen Form im Germanischen bzw. Althochdeutschen “greifen” bedeutete. Doch unsere Hände können noch viel mehr: sie ersetzen Blinden die Augen, sie fühlen die warme Hand eines anderen Menschen oder die ölige Schichte auf frisch geröstetem Kaffee, sie zittern vor Angst. Vor allem können sie neues erschaffen: Die Handarbeit ist die Basis für vieles, das der Mensch kreiert hat und damit der Ausgangspunkt von Wirtschaft. Karl Marx bezeichnet Arbeit sogar als die Existenzbedingung jeder Gesellschaft – wo wären wir da ohne unsere Hände?

Die Hand und die Handarbeit als solches gelten daher auch als Kulturträger: Was die Menschen damit erschaffen ist stark davon abhängig, was sie in ihrem Alltag für nötig erachten, was sie brauchen aber auch was sie schön finden oder genießen. Deshalb schaffen unsere Hände von Alters her nicht nur Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände und Nahrungsmittel. Sondern auch Kunst, Spielzeug und Genussmittel. So auch der Kaffee, der als kulturelles Gut Menschen über Grenzen hinweg verbindet und gleichzeitig die Diversität weltweit deutlich macht. Kaum ein Land, dass die Bohne nicht kennt und auf ganz bestimmte, einzigartige Weise von Hand zubereitet. In Äthiopien wird der Kaffee bis heute von der Frau des Hauses vor dem Servieren in einer Zeremonie von Hand geröstet und frisch aufgebrüht. Die French Press wäre ohne einen beherzten “Händedruck” funktionsunfähig. Und hätten nicht ein paar findige Menschen den Kaffeebohnen in eine Röhre geworfen und per Hand über dem Feuer geröstet, würden wir uns immer noch über die unbrauchbaren Arabica-Pflanzen ärgern. Es gibt etliche Beispiel dafür, wie viel Arbeit in einer Tasse Kaffee steckt. Und die gehört auch gewürdigt!

DSC5046_www.strohwasser-licht.de_Ohne Handarbeit kein Genuss
Jarhundertealte Traditionen und neue Genussformen lassen den handgemachten Kaffeegenuss also durch die Welt ziehen. Denn Kaffee wird immer beliebter: In Deutschland trinkt jede und jeder etwa 160l/Jahr. Weit mehr als Bier oder Wasser. Ohne Handarbeit wäre das kaum möglich, vor allem, wenn man Wert auf beste Qualität legt. Natürlich könnten uns Maschinen die mühselige Arbeit abnehmen. Doch Maschinen fühlen nicht – Maschinen wissen nicht, was Genuss ist. Deshalb wird wirklich guter Kaffee von Hand gepflückt (auch weil Maschinen an den Steilhängen keine Chance hätten) und sortiert. Das geübte Auge erkennt schnell den Unterschied zwischen vollreifer und minderwertiger Kaffeekirsche, flinke Finger sortieren dann aus. Viele tausende Handgriffe später landen die Rohbohnen irgendwann im Bestimmungsland, wo der Röstmeister seine Hände hindurchgleiten lässt und die Qualität in vielen Proberöstungen testet. Hier beginnt für ihn die Handarbeit, die in ein individuell geschaffenes Röstprofil mündet. Dann wird wöchentlich Hand an den traditionellen Trommelröster gelegt. Natürlich kostet der Prozess der Handarbeit viel mehr Zeit, Kraft und damit auch Geld. Noch immer kommt davon zu wenig in den Anbauländern an, in denen wettergegerbte Hände die purpurroten Kirschen für uns pflücken. Der Wandel jedoch zeichnet sich ab.

DSC5128_www.strohwasser-licht.de_Trend, Rückbesinnung oder Bewahrung?
Der Trend geht hin zu mehr Transparenz, direkten Verhandlungen mit den Kaffeebauern und einem Bewusstsein für Nachhaltigkeit in Bezug auf natürliche Ressourcen aber auch auf gesunde ErntehelferInnen und PlantagenbesitzerInnen, die für ihre Arbeit respektvoll behandelt, entlohnt und medizinisch versorgt werden. Auch bei der Zubereitung wenden sich viele trotz Technologisierung weit ab von Vollautomaten und Kapselmaschinen. Viel beliebter sind unter wahren Kaffeefreunden die handgemachten Varianten mit schonend und daher von Hand gerösteten Spezialitätenkaffees. Es scheint einher zu gehen mit der allgemeinen Renaissance des Selbstgemachten, wie die Beliebtheit von Back-, Garten- und Strickmagazinen und -blogs eindrucksvoll zeigt. Woher kommt diese Rückbesinnung auf unsere Hände im Zeitalter der von einigen Wissenschaftlern beschworenene “Wissensgesellschaft”? Viel wurde dazu gesagt, von Kapitalismuskritik über den Vorwurf des Neo-Biedermeier bis hin zur grünen Revolution. Vielleicht ist es aber auch der Wunsch, bei all dem geistigen Alltagschaos wahrhaft etwas “greifen” zu wollen – der Genuss gibt uns dazu die Möglichkeit mit allen Sinnen. Unseren Händen sei Dank.