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Wissen Sie, wieviel Kaffee wir Deutschen im Jahr so trinken? Es sind sage und schreibe 162 Liter pro Kopf!* Weltweit liegen wir laut Deutschem Kaffeeverband auf Platz 7 unter den Top Ten. Zusammen mit der immer größeren Kaffeevielfalt und den vielen Zubereitungsarten, mit denen wir das Kaffeekochen mittlerweile fast schon zelebrieren, spricht das eine recht deutliche Sprache: wir Deutschen lieben Kaffee! Dabei haben wir uns eine Menge aus anderen Kaffeenationen abgesehen. Ohne Cappuccino, Café au lait oder Wiener Mélange sind unsere Cafés gar nicht mehr zu denken. Doch wie trinkt eigentlich der Deutsche seinen Kaffee am liebsten? Und wie sieht das bei den Franzosen, Türken oder Schweden aus? Das ist teilweise ganz schön abgebrüht…

 

Deutschland: Nach wie vor auf Platz eins ist Filterkaffee, schwarz oder mit Milch und Zucker. Wir Deutschen lieben Kaffee übrigens schon sehr lange. Bereits zu Beethovens Zeiten schätzten wir ihn. Der Komponist selbst übrigens auch. Jeden Tag ließ er sich genau 60 Bohnen abzählen und seinen Kaffee daraus zubereiten.

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Österreich: Wien ist der Begriff schlechthin für die österreichische Kaffeekultur. In den charmanten Kaffeehäusern wird Tradition sehr hoch gehalten. Deshalb gibt es immer noch die Klassiker von „Früher“. Der Einspänner ist ein kleiner Mokka im Glas mit Schlagsahne, der Fiaker, ein großer Mokka im Glas mit viel Zucker und etwas Sliwowitz oder Rum, der Pharisäer besteht aus Kaffee, Rum und Schlagsahne. Die bekannte Wiener Mélange ist ein Espresso mit Zucker oder Honig mit Milch und Milchschaumhaube. In Deutschland wird manchmal Kakaopulver drauf gemacht.

 

Italien: Kein anderes Land steht so stark für Espresso wie dieses. Kein Wunder, denn auch unter den Italienern rangiert er auf Platz eins. Auch sonst mögen’s die Italiener eher kräftig. Der Espresso ist die Grundlage für die meisten Kaffeegetränke, z.B. für den Cappuccino. Der Name dieses Klassikers verdankt er übrigens der Kapuze eines Kapuzinermönches (ital. cappuccio). Es ist ein Espresso mit einer „Kapuze“ aus aufgeschäumter Milch. Bei den Italienern beliebt sind der Caffè Coretto, ein Espresso mit Grappa, Amaretto oder Weinbrand, der Caffè Macchiato, ein Espresso, der auf eine dünne Schicht warmer Milch gegossen wird und der eine Haube aus Milchschaum bekommt, und an heißen Tagen der Caffè freddo, ein verlängerter, gesüßter und eisgekühlter Espresso.

 

Frankreich: Die Grande Nation liebt nicht nur Wein, sondern auch Kaffee. Von ihr haben wir uns den Café au lait geholt, das traditionelle Frühstücksgetränk in Frankreich. Da die Franzosen keine so leidenschaftlichen Frühstücksmenschen sind, übernimmt dieses Kaffeegetränk ein Stück weit das Frühstück selbst: er besteht zu gleichen Teilen aus Kaffee und heißer Milch und wird aus großen Schalen getrunken. Dazu gibt es – natürlich – ein Croissant. Allgemein genießen die Franzosen Kaffee weniger kräftig. Ein Klassiker ist deshalb Café filtre, Filterkaffee, der meist direkt in die Tasse gefiltert wird. Bekannt ist auch der Café brulot, ein mit Zucker flambierter Cognac oder Weinbrand, der mit Kaffee aufgegossen wird. In Frankreich wird meist klassisch gefiltert, aber auch die „French Press“ ist oft in Gebrauch. Diese Aufgussmethode wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden – in Frankreich, wie der Name schon verrät.

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Skandinavien: Kaffee ist in Skandinavien noch beliebter als in Deutschland – am meisten Kaffee weltweit trinken laut Deutschem Kaffeeverband die Finnen. In Skandinavien wird Kaffee nach schwedischer Art getrunken: er wird mit Wasser in einer Kanne aufgekocht, und man wartet, bis sich das Pulver am Boden abgesetzt hat. Dann gießt man den fertigen Kaffee in eine Tasse, in der sich das Kaffeepulver wieder absetzt. Damit es besser absinken kann, werden die Bohnen gröber gemahlen. Auch im Perkolator wird Kaffee noch zubereitet. Das ist eine Kaffeemaschine, die in Deutschland in den 1950er in Mode war. In Schweden hielt sich diese Art der Kaffeezubereitung bis heute. In dieser Maschine wird das kochende Wasser durch ein Rohr nach oben gegen einen Glasdeckel gedrückt. Dann fließt es in einen Behälter mit Kaffeepulver und tropft von dort als Kaffee wieder in das Wasser nach unten. Durch den Glasdeckel kann man erkennen, wie sich die Farbe des Kaffeewassers verändert. Ist es dunkel genug, ist der Kaffee fertig. Meistens trinken die Skandinavier ihren Kaffee schwarz. Sollten Sie einmal in einem schwedischen Café sitzen, kaufen Sie übrigens mit einer Tasse Kaffee auch das Recht, sich jederzeit nachschenken zu dürfen – kostenlos.

 

England/ Irland: Zur „Tea Time“ gab‘s im 18. Jahrhundert zwar auch mal Tee, meistens wurde aber Kaffee serviert. Denn kaum zu glauben aber wahr: die Engländer waren zu dieser Zeit die leidenschaftlichsten Kaffeetrinker der Welt. Anfang des 19. Jahrhunderts soll es rund 9000 Cafés allein in London gegeben haben – die übrigens den Männern vorbehalten waren. Um 1850 herum änderte sich das. Die Bedingungen für Tee wurden günstiger, Kaffee trat langsam in den Hintergrund, sodass England und Irland zu den Teetrinkern wurden, als die sie heute bekannt sind. Kaffee wird trotzdem noch getrunken, wirkt jedoch fremdartig für unseren Gaumen: man lässt ihn lange ziehen, weshalb er bittere und sogar scharfe Noten hat. Ein Getränk hat es dennoch zu uns geschafft: der Irish Coffee. Er besteht aus einer Tasse starkem Kaffee mit Zucker und einem Schuss Whiskey. Oben drauf gibt es geschlagene Sahne und geraspelte Schokolade.

 

Griechenland: Wer in Griechenland Urlaub macht, sucht vergeblich nach einem guten Cappuccino oder Espresso. Kaffee spielt dort eine untergeordnete Rolle. Die Griechen trinken Instantkaffee, meistens Nescafe, oder wie die Griechen sagen: Nes. Wer dennoch die Suche nach frischem Kaffee nicht aufgibt, hat eher im Sommer Glück. Dann gibt es griechischen Kaffee, einen starken Mokka, und Café frappé. Dazu wird grob gemahlener Kaffee oder auch Instantkaffee mit kaltem Wasser mit oder ohne Zucker im Cocktail-Shaker schaumig geschüttelt. Obwohl der Großteil noch Nes trinkt, beginnt sich der griechische Geschmack zu wandeln. Vor allem die Mittelschicht interessiert sich immer mehr für Filterkaffee. In Griechenland bringen die Leute übrigens immer eine Menge Zeit mit, wenn sie Kaffee trinken. Es ist nicht ungewöhnlich, mehrere Stunden im „Kafenio“ zu verbringen bei nur einer einzigen Tasse Kaffee, die zwischendurch immer wieder mit Wasser gestreckt wird.

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Spanien: Spanischer Kaffee schmeckt deutlich stärker. Das liegt daran, dass der Anteil an Robusta-Bohnen wesentlich höher ist. Geröstet wird meist mit der Torrefacto-Methode, bei der während des Röstens Zucker hinzugefügt wird. So karamellisieren die Bohnen, was für einen geringeren Säuregehalt und weniger Bitterkeit sorgt. Die Spanier mögen’s gern stark, deshalb ist der Espresso, der café solo, Grundlage für die meisten Getränke. Der Klassiker ist der cortado, ein Espresso mit einem Schuss Milch oder Milchschaum. Eine Variante davon ist der café bombón: dafür gießt man in einem kleinen Glas gezuckerte Kondensmilch mit Espresso auf. Wer nach einem Milchkaffee sucht, bestellt am besten café con leche, der zur Hälfte aus Espresso und Milch besteht. Eine Variante davon ist der café cortado leche y leche, in den noch gesüßte Kondensmilch gegossen wird. Wenn’s wärmer wird, gibt es auch café con hielo zu bestellen. Ein Eiskaffee aus gesüßtem, warmem Espresso mit Eiswürfeln. Beliebt sind auch Getränke mit Alkohol. Der carajillo z.B., ein Espresso mit Brandy, Rum, Whisky oder Anislikör. Trotz des Alkohols trinken einige Spanier ihn gerne auch schon zum Frühstück. Auch beliebt – und für uns ungewöhnlich – ist der barraquito: Espresso, Likör oder Rum, aufgeschäumte Milch – und Zitronenschalen.

 

Portugal: Für die Portugiesen ist Kaffee wie ein Grundnahrungsmittel, das nicht teuer sein darf. Deshalb staunen Urlauber, wenn sie sehen, wie ausgesprochen günstig ein Aufenthalt in Cafés ist. Selten ist ein Espresso teurer als ein Euro. Ähnlich wie in Spanien outet man sich sofort als Tourist, wenn man Trendgetränke wie Latte Macchiato oder Cappuccino bestellt. Die bekommt man nur in internationalen Café-Ketten. Die Portugiesen selbst halten sich da eher an ihre traditionellen Cafés, in denen sie bereits morgens gern am Tresen stehen und ein minimalistisches Frühstück einnehmen, bestehend aus einem kleinen Gebäck und meistens einem Bica. Das kommt einem Espresso am nächsten, ist aber eigentlich nur ein extrem starker Kaffee. Manchmal ist es auch ein café cheio, ein mit heißem Wasser gestreckter Espresso. Wer einen café pingado bestellt, bekommt im Wesentlichen einen Espresso Macchiato, bei dem die Milch jedoch nicht aufgeschäumt wird. Mit einem abatando oder café americano kommen Filterkaffee-Fans auf ihre Kosten. Latte Macchiato-Trinker bestellen am besten einen galao, er besteht zu einem Drittel aus Kaffee, der Rest wird mit Milch aufgefüllt, oder einen meia de leite, im Grunde ein Milchkaffee, halb Kaffee halb Milch.

 

Türkei: Die Türkei blickt auf eine Kaffee-Geschichte zurück, die schon alt ist und die Kultur des Landes wesentlich geprägt hat. Nicht umsonst gehört die türkische Kaffeekultur zum UNSECO Welterbe. Mit einem äthiopischen Staatsbesuch im 16. Jahrhundert kamen die ersten Kaffeebohnen in die Türkei. In kürzester Zeit schossen mehrere hundert Kaffeehäuser in Konstantinopel aus dem Boden, in denen wie heute Mokka serviert wurde. Das blühende Geschäft fand jedoch ein abruptes Ende, als Sultan Murat IV. 1633 von vermeintlichen Gesundheitsrisiken gehört hatte und daraufhin ein Kaffeeverbot hatte ausrufen lassen. Sämtliche Kaffeehäuser wurden abgerissen, der Genuss von Kaffee stand unter Todesstrafe. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hob Sultan Mehmet IV. dieses Verbot wieder auf, sodass die türkische Kaffeekultur wieder auflebte und ihre besondere Magie entwickelte, die für das Lebensgefühl der Türken einfach unabdingbar ist. Für sie ist der Besuch in den traditionellen Kaffeehäusern ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Deshalb verwundert es nicht, wenn die Kaffeekultur in die Bräuche gefunden hat. Bekannt ist da z.B. der Brauch, dass die Ehefrau dem Ehemann bei der Brautwerbung einen salzigen Mokka reicht. Nur wenn er es schafft, den Mokka zu trinken ohne eine Miene zu verziehen, hat er seine Liebe zu seiner Braut bewiesen. Selbst der Kochprozess von Mokka ist zu einer Art Zeremonie geworden. Im Ibrik, der kleinen Kanne mit Stiel, wird heißes Wasser mit Zucker und extrem feinem Kaffeepulver verrührt und aufgekocht. Der Kaffee wird samt Satz in kleine Tassen gegossen, in denen sich das Pulver dann absetzt. Vor allem im arabischen Raum wird der Mokka noch gewürzt mit Kardamom, Rosenwasser, Nelken oder Zimt.

 

* Marktforschungsunternehmen Nielsen, 2017