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Weltfrieden, Respekt, Umweltschutz: „Konferenz der Kinder“

„Gewalt ist doch keine Lösung! Das bringt man schon im Kindergarten bei!“ So ein Satz könnte von einem Erwachsenen stammen, der zwei kleine Raufbolde ermahnt. Simon aus Regensburg ist aber noch lange nicht erwachsen. Er ist erst zehn Jahre alt. Von ihm stammt dieser Satz, mit dem er das Verhalten von Erwachsenen kommentiert und zeigt, wie erstaunlich aufmerksam Kinder die Welt beobachten. Der Künstler Johannes Volkmann weiß das. Darum hat er das Projekt „Konferenz der Kinder“ gestartet, das über vier Jahre hinweg dokumentierte, wie Kinder „Erwachsenenkram“ reflektieren. Das Ergebnis: ihre bestechend schlichten Argumente bringen die Erwachsenen in echte Erklärungsnot…

Eine lange Tafel mit in Papier verpacktem Geschirr und Besteck – „Unbezahlbar“ heißt dieses Projekt, mit dem Johannes Volkmann die Welt bereiste. Er stellte die Tafel auf Marktplätzen in 15 Ländern auf und lud die Menschen ein, auf die Teller zu schreiben, was für sie unbezahlbar sei. Neben vielen Unterschieden gab es eine klare Gemeinsamkeit: das Wohl ihrer Kinder steht für alle Menschen an oberster Stelle. Der Gedanke, dass Menschen über ihre Kinder zusammenfinden können, führte den Künstler zur nächsten Idee. Er wollte die Kinder zu Wort kommen lassen, ihre Ansichten zu den Brandthemen unserer Zeit erfahren. Er hob das Projekt „Konferenz der Kinder“ aus der Taufe und reiste über vier Jahre in verschiedene Länder, um Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 18 Jahren in den Fokus zu rücken.
Dazu hat er ein Buch entworfen, in dem die Kinder und Jugendlichen Gedanken, Ideen, Visionen, Gefühle und Wünsche festhalten konnten. Darin stehen mitunter knifflige Fragen. Welchen Satz würdest du groß auf eine Wand schreiben? Wo wohnt für dich das Glück? Was sind deine Ideen? „Da sind schon ein paar harte Nüsse dabei. Kinder gehen da aber viel kopfbefreiter ran als Erwachsene. Gerade das macht ihre Ansichten so erfrischend“, berichtet Johannes Volkmann.

Fairness, Vermüllung der Welt, Angst vor einem Dritten Weltkrieg: das beschäftigt die Kinder…

In Workshops mit Künstlern der jeweiligen Länder füllten die Kinder und Jugendlichen die Bücher und verarbeiteten diese Impulse in Kunstprojekten. So kamen gut 1.500 Bücher zusammen. Auch hier stellte Johannes Volkmann zwar Unterschiede zwischen Ländern und Kulturen fest. „In Oslo z.B. waren wir überrascht, wie aufmerksam sich die Kinder mit Trumps Politik oder dem Nahost-Konflikt auseinandersetzen“, sagt er. Dennoch gibt es wie bei den Erwachsenen Top-Themen, die alle Kinder gleichermaßen beschäftigen. Politische und gesellschaftliche Konflikte auf der ganzen Welt beunruhigen sie so sehr, dass sie Angst haben vor einem dritten Weltkrieg. Ihr Wunsch nach Frieden und Abrüstung ist extrem stark.
Ganz oben steht auch die Vermüllung der Welt. „Die Kinder sind entsetzt, wie respektlos Erwachsene mit der Natur umgehen. Sie fragen sich, warum ihnen die Erwachsenen ständig vorbeten, die Umwelt zu schützen, und sie selber sie aber zerstören“, berichtet Johannes Volkmann.
Brandthema ist zudem der Umgang mit anderen. Andere Meinungen oder Religionen zu respektieren und fair zu sein, das beschäftigt alle Kinder. Dabei stellen sie intuitiv schlüssige Zusammenhänge her. Respektvoller Umgang mit Menschen statt Ausbeutung, Bildungsmöglichkeiten für alle, das erzeugt ein Klima von Ehrlichkeit, Enthusiasmus und Nachhaltigkeit. Die Tragweite solcher Themen ist ihnen dabei sehr bewusst. Nachhaltigkeit und ein respektvoller Umgang mit Mensch und Natur schonen wiederum Ressourcen und bringen Lebensmittel mit hoher Qualität hervor.

Das ging nicht überall reibungslos. „In Serbien wurden die Bücher konfisziert, politische Aussagen waren nicht erlaubt. In Russland bekamen wir gar nicht erst eine Erlaubnis für unser Projekt, in der Türkei haben wir von uns aus abgebrochen, um niemanden durch Aussagen in Gefahr zu bringen“, erzählt er.

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„Die Kinder standen grade für ihre Ideen“

Johannes Volkmann reichte es aber nicht, einfach nur zu dokumentieren, was den Kindern im Kopf umgeht. Deshalb hat der Künstler die Top-Themen der Kinder zum Gegenstand der „Gipfelkonferenz“ in Nürnberg gemacht, die im September den Abschluss des Projektes darstellte. Dort stellte er alle Bücher der Kinder aus. Rund 70 Kinder lud er ein, um weitere Impulse anzustoßen. Zum Thema Weltfrieden entstand eine riesige Skulptur aus Plastikwaffen, die die Kinder aus ihrem Spielzeugvorrat verbannten als Symbol für eine Abrüstung auf der Welt. Zum Thema Umweltschutz zeigte ein Konferenzkind, wie man Dinge wie Deo, Zahnpasta oder Waschmittel selber herstellen und eine Menge Plastikmüll vermeiden kann. Beim Thema „Respekt“ gingen die Kinder auf die Straße und fragten Erwachsene, ob sie mit Kreide etwas auf ihr Auto schreiben durften. So trugen eine Menge Autos Botschaften unter die Menschen wie „Kein Mobbing“, „Sei du selber“ oder „Lasst uns Kinder auch mitreden“.

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Die nächste Etappe im „Weltgespräch“…

„Das sind alles so wertvolle Impulse! Nicht nur weil Kinder und Jugendliche so ehrlich sind, sondern weil sie Erwachsene ganz anders erreichen“, fasst Johannes Volkmann zusammen. Nach jeder Veranstaltung konnte er beobachten, dass viele Erwachsene ins Grübeln kamen. Schon vor der Konferenz wurde deshalb noch eine Idee für einen weiteren Schritt in diesem überdimensionalen Weltgespräch geboren: es entstand ein Katalog mit Fragen der Kinder für 100 Personen auf der Welt. Diese müssen ihn beantwortet zurückzuschicken. „Dann gibt es wieder eine Ausstellung“, kündigt Johannes Volkmann an. „Jede Person erhält einen Sockel. Da kann sich dann jeder überlegen, ob ein Buch darauf steht oder ob er leer bleibt. Das wäre ja auch eine Aussage…“

Bilder zur Gipfelkonferenz und sämtliche Bücher gibt es unter www.daspapiertheater.de.