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Knapp zwei Stunden braucht Diego Robelo, um von San José nach Aquiares Estate zu fahren. Dieses Zeitfenster nutzen wir, um in der Zeitverschiebung von acht Stunden, die Deutschland von Costa Rica trennen, ein Interview zu führen via Skype. Das Kreischen der Möwen im Hintergrund der Freisprechanlage und die laufend zusammenbrechende Internetverbindung verraten uns, dass ihn sein Weg an Küsten vorbei und immer wieder durch mehr oder weniger unerschlossenes Gebiet führt. Zwei Mal pro Woche fährt Diego zurück zu Frau und Kindern nach San José, der Hauptstadt Costa Ricas, den Rest der Woche verbringt er auf der Plantage Aquiares Estate. Als er dort ankommt, hören wir innerhalb weniger Minuten mindestens 20 Menschen, die ihn begrüßen.

Diese Farm ist Diego mehr als nur Geschäft. Sie ist ihm Heimat. Familie. Das ist für jeden so.

So harmonisch war es nicht immer. Als Diegos Vater Alfonso 1980 die Farm erwarb, steckten die Farmarbeiter in großer wirtschaftlicher Not. Das war eines der Dinge, die Alfonso sofort änderte. „In dieser ländlichen Gegend haben die Menschen sehr niedrige Einkommen. Eigenen Grund zu besitzen z.B., ist für die meisten nahezu unmöglich“, erklärt Diego, der heute die Farm leitet. Ziel seines Vaters war, ein wirtschaftlich und sozial so stabiles Umfeld zu schaffen, dass die Farmarbeiter eine langfristige Perspektive mit Aquiares Estate entwickeln und sich dort niederlassen konnten. Bis dahin gehörten alle Unterkünfte für Mitarbeiter der Farm. „Mein Vater verkaufte den Mitarbeitern sämtliche Häuser zu fairen Preisen. Besitzer eines Eigenheims zu sein, hebt den Stolz von Menschen und beseitigt Existenzängste. Da kann man einander ganz anders begegnen“, erklärt Diego die Beweggründe. „Wir haben eine Nachbarschaft geschaffen mit einem starken Gefühl von Heimat und Zusammengehörigkeit“, sagt er und freut sich, dass die erste Generation, die in diesen Heimatorten zur Welt gekommen ist, schon eigene Kinder großzieht.

Die Bande zwischen Farm und dem Ort Aquiares sind auch an anderen Stellen geknüpft. Aquiares Estate ist ein großer Arbeitgeber in der gleichnamigen Gemeinde. Als Alfonso die Farm gekauft hatte, arbeitete fast jeder dort. Heute zählt die Gemeinde etwa 2.000 Einwohner, 170 davon sind Mitarbeiter auf Aquiares Estate. Von der Farm profitiert der gesamte Ort. Während der Ernte kommen rund 500 Erntehelfer in den Ort, die dort einkaufen, essen, sich aufhalten. Für deren Unterkunft sorgt die Farm – kostenlos, wie Diego nicht ohne Stolz betont.

Aquiares will aber noch mehr. Den Robelos war immer bewusst, wie gering die Möglichkeiten sind, wenn Bildung fehlt. Deshalb setzt die Farm auf die Aus- und Fortbildung ihrer Mitarbeiter und ihrer Familien. Bereits die Kleinsten werden ins Boot geholt. Es gibt eine Tagesbetreuung für die Kinder der Mitarbeiter. Für Kinder bis sieben Jahren hat Diego zwei Erzieherinnen eingestellt und einen schönen Ort für sie geschaffen. „Die Betreuung gilt auch für die Kinder der Erntehelfer. Das sind oft sehr arme Menschen, die sich freuen, dass ihre Kinder gut und mit warmen Mahlzeiten versorgt werden“, berichtet Diego. Für Kinder zwischen sieben und 15 Jahren besteht ein Vertrag mit einer Grundschule und einer fortführenden Schule. „Die Schulbildung der Jugend von Aquiares ist mittlerweile richtig gut“, freut sich Diego. Erst ab 15 Jahren dürfen Jugendliche auf der Farm arbeiten – wenn sie das möchten. Und ob Kleinkind, Jugendlicher oder Erwachsener – Aquiares Estate hat einen eigenen Arzt für Mitarbeiter und deren Familien, für die Erntehelfer samt Angehörigen gibt es extra einen.

Allein dieses herausragende Bewusstsein für Solidarität und Humanität katapultiert Diegos Farm in die Sterne. Aquiares Estate kann aber noch mehr. Die Plantage ist als klimaneutrale Kaffeefarm ausgezeichnet und damit so etwas wie der Inbegriff des zukunftsweisenden fortschrittlichen Kaffee-Business‘. Diego ist dieser Punkt enorm wichtig. Deshalb hat er Aquiares Estate zum Anlaufpunkt für Agrarwissenschaftler und -Studenten gemacht. „Der frische Blick anderer Augen lässt uns neue Aspekte wahrnehmen, wir denken dann in neue Richtungen. Diese Erfahrung ist immer wieder wertvoll für uns“, sagt Diego. Eine Studentin aus Frankreich hat sogar ihre Zelte zuhause abgebrochen, um bei Diego zu arbeiten, berichtet er.

Mit der wissenschaftlichen Herangehensweise macht Diego seine Kaffees nicht nur zu einem ökologisch und nachhaltig wertvollen Produkt, dessen Qualität unschlagbar gut ist. Er versucht damit auch auf den Klimawandel zu reagieren. Besonders das trockene Wetter ist ein Problem, sagt er. Deshalb sucht er mit wissenschaftlichem Input und seinem eigenen Kaffeewissen und dem seiner Mitarbeiter die Farm umzustellen. Da werden z.B. neue Varietäten gesucht, die weniger Wasser brauchen und gleichzeitig hohe Qualität liefern. Dass Anbau, Pflege, Ernte und Aufbereitung ökologisch verträglich und ressourcenarm von statten gehen, ist auf Aquiares Estate selbstredend. So ist Diegos Farm die größte von Rainforest Alliance zertifizierte Plantage Costa Ricas. Am wichtigsten ist Diego jedoch dieser Punkt: mit Aquiares Estate beweist er, dass ein ökologisch umsichtiger und ressourcenarmer Kaffeeanbau machbar ist.

„Man muss es nur wollen“, ist Diego überzeugt.

Wer genau wissen will, wie klimaneutral Aquiares Estate wirklich ist, dem legt Diego die Zahlen offen. Er will so viel wie möglich kommunizieren, das Wie, Was und Warum erklären. „Nur wenn man offen ist und kommuniziert, kann mein Gegenüber Vertrauen zu mir aufbauen, und darauf kommt es an“, weiß Diego.

Neben allen Bemühungen um Transparenz, Humanität und Umweltschutz ist da ja auch noch die Leidenschaft für den Kaffee. Zusammen mit den Wissenschaftlern tüftelt er an Qualitätsverbesserung und neuen Methoden, er hält sich auf dem Laufenden, was sich auf dem Kaffeemarkt alles tut und er hat den Mut, Neues zu probieren. Wie z.B. mit dem innovativen Aufbereitungsverfahren der anaeroben Fermentation. Das ist ein Weg, den Diego seit einiger Zeit geht, um die Qualität seiner Kaffees immer noch ein Stück weiter anzuheben. Und wenn das funktioniert, macht er sich wieder auf die Suche nach etwas Neuem.

Wie die Kaffeewelt in zehn, 20 Jahren wohl aussieht? Und wie er sie sich wünscht? Diese Fragen unterbrechen Diegos Redefluss für zwei, drei kurze Augenblicke. „Transparent zu sein wird immer wichtiger“, findet er seine Worte wieder. „Ich finde diesen Trend sehr gut. Dadurch sind die Leute bereit, Qualität in den Vordergrund zu stellen und entwickeln einen anderen, tieferen Bezug zum Produkt“, sagt Diego. Genau das ist es, was er sich für die Zukunft von Kaffee wünscht, von wo auch immer er herkommt. „Kaffee sollte nicht mehr bloß als trendiges Genussmittel verstanden werden“, wünscht er sich. „Kaffee an sich, seine unterschiedlichen Gesichter, Anbau, Aufbereitung und alles, was danach kommt, das ist alles so komplex und so viel Arbeit steckt dahinter. Kaffee sollte als wertiges Lebensmittel betrachtet werden, das ist es, was ich mir wünsche.“