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Im Jahr 2008 besuchte ich das Kaffee-Anbauland Costa Rica zum ersten Mal. Während eines köstlichen italienischen Abendessens traf ich dort einen Amerikaner, mit dem ich schnell ins Gespräch kam. Bald redeten wir über Kaffee, und es stellte sich heraus, dass mein Gesprächspartner niemand anderer als Jim Stewart, der Mitbegründer von Seattle’s Best Coffee, war, also einer der ersten, der in der Kaffee-Branche besondere Strategien entwickelte.

Jim Stewart 03 4c 225x300 1 - Jim Stewart über das Aus für Kaffee-Zertifikate und Bio-SiegelDas zweite Treffen ergab sich im Jahr 2011, und seit dem stehen wir in regelmäßigem, freundschaftlichem Kontakt miteinander und tauschen uns über alle Fragen rund um Kaffee, über die besten Anbaugebiete, Produktionsverfahren, Handelsbedingungen und vieles mehr, aus.

Über Kaffee-Zertifikate, Fair Trade und Bio Siegel, sagt Jim Stewart:

Meiner Meinung nach sind Kaffee-Zertifikate nichts als eine Krücke für die Kaffeeröster und, bis zu einem gewissen Grad, auch für die Kaffeebauern.Mit den Zertifikaten sparen sich die Kaffeeröster die Zeit und Mühe, selbst in ein Kaffee-Anbauland zu fliegen und eine eigene Beziehung zu einem Kaffeebauern aufzubauen.

Stattdessen zahlt der Produzent einer Zertifizierungsgesellschaft eine Gebühr, Exporteur und Importeur zahlen jeder eine weitere Gebühr für das Zertifizierungsprogramm und schließlich muss der Röster noch mal Gebühren zahlen, nur damit die Kunden die Produktions-Verfahren nachvollziehen können. Erklären Sie diese Verfahren mal Ihren Kunden. Als Dank erhalten Sie einen kleinen Aufkleber (z.B. Fair Trade oder Bio Siegel), und wenn eine Hausfrau Fair-Trade Kaffee verlangt, umweltfreundlich angebaut, fair gehandelt und so weiter, .., dann kann der Röster seinen Aufkleber vorzeigen, vielleicht sogar 2, 3 oder mehr und sagen, ja natürlich, meine Dame, haben wir.

Lassen Sie mich das noch ein wenig vertiefen:

Ich wohne in Vashon Island im Staat Washington. Ein einzigartiger Ort. Geradezu paradiesisch. Mit vielen kreativen, empfindsamen, bio- und umweltbewussten, ergebnisorientierten, eigenwilligen Menschen. Sie stehen an der vordersten Front vieler Trends und sind ihrer Zeit weit voraus.

Folgendes Beispiel will ich Ihnen nennen: Eines Morgens, ich schlürfte gerade meinen frisch auf der Farm geernteten Kaffee und guckte CNN, erscheinen auf dem Bildschirm 24 nackte Lesben. Sie sitzen in einem Kreis auf den kalten, nassen Felsen am Strand von Vashon Island. Ihre Füße und Zehen berühren sich zu einem Friedenskreis. Das war der erste bundesweit übertragene, öffentliche Protest gegen den Irak-Krieg. Sie sehen, die Leute von Vashon Island sind Trendsetter.

Vor etwa 5 oder 6 Jahren sagten eine Reihe dieser progressiven Menschen, vor allem die Vashon Bio-Bauern: Schluss! Keine Bio-Zertifikate mehr. Warum sollen wir völlig Fremden in New York City, die vielleicht nicht mal einen Blumentopf auf ihre Fensterbank stellen, eine Gebühr dafür bezahlen, dass sie meinen Kunden versichern, dass ich ein Bio-Bauer bin. Ich kenne meine Kunden und sie kennen mich. Meine Kunden können mich jederzeit besuchen und meine Anbaumethoden aus nächster Nähe begutachten. Sie können beobachten, wie meine Kinder auf den Feldern spielen und sehen, dass das völlig ungefährlich ist.

Sie werden eher mir, ihrem Nachbarn, vertrauen, als dass sie sich auf das Wort eines völlig Fremden verlassen. Das versteht sich von selbst; und dabei haben wir die Zertifikatskosten noch gar nicht erwähnt.

Vor ein paar Jahren habe ich, ganz gegen meine Gewohnheit, auf einem Zertifizierungssymposion in Costa Rica das Wort ergriffen und von dieser Erfahrung berichtet. Ich sagte, dass mit dieser verrückten Kaffee Zertifiziererei in 5 Jahren Schluss sein würde und begründete das mit der Aktion der Vashon Bio-Bauern. In dem voll besetzten Saal mit Kaffeebauern und Händlern – 6 bis 8 Vertreter von Zertifizierungsgesellschaften waren auch darunter – brandete der Applaus auf. Ich will nicht jammern, ohne eine Alternative vorzuschlagen.

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Deshalb erklärte ich, wie ich 1977 durch Mittel- und Südamerika gereist bin, wie ich Kaffeeexporteure und Kaffeebauern besuchte und wie diese Reise dazu geführt hat, dass ich von den exportierenden Ländern direkt kaufe. Es entwickelten sich persönliche Geschäftsbeziehungen und Freundschaften, die bis heute andauern. Ich erklärte den Kaffeebauern meine Vorstellungen zur Umwelt, wies auf die Artenvielfalt der Bäume hin, nannte meine Bedenken bezüglich ihrer traditionellen Verarbeitungsverfahren, machte Vorschläge zu den sozialen Verhältnissen, und so weiter…

Ich war bereit zu kaufen, wenn sie meine Vorschläge annahmen. Ich kam von keiner Zertifizierungsgesellschaft, verlangte keine Gebühr und verbreitete nicht die Illusion, dass Käufer in Scharen kommen und ihren Kaffee verlangen würden, bloß weil sie dieses Gütesiegel hatten. Ich habe weiter ausgeführt, dass diese Beziehungen zur Gründung der ‚Vashon Island Kaffee Stiftung‘ führte. Mit Hilfe dieser Stiftung konnten wir einiges an die Kaffeebauern in vielen Ländern, besonders in Santiago de Atitlan in Guatemala, zurückgeben In Atitlan haben wir zwei Schulen, eine Wasseraufbereitungsanlage, eine Straße und eine Klinik gebaut. Wir haben das gemacht, einfach so, weil wir es für notwendig und richtig hielten, nicht aus Markt strategischen Überlegungen heraus. Zum Schluss sagte ich: Sie können dasselbe tun. Ich bin mir sogar sicher, dass Sie es tun werden, wenn es so weit ist. Und zwar dann, wenn bei Ihnen die Kunden so denken wie die Menschen auf Vashon Island. Danach gab der Moderator den Vertretern der Zertifizierungsorganisationen die Gelegenheit zur Kommentierung. Nie werde ich vergessen was Chris Willy von der Rainforest Alliance sagte, nämlich: „Wir wollen nicht, dass Sie Schulen bauen.“ Ich war schockiert. Ich konnte nicht antworten. „Entschuldigung, tschuldigung“, stammelte ich, „was haben Sie gesagt?“ Ich war fassungslos. Wir waren so stolz auf unsere Arbeit. Unsere Projekte verbesserten die Lebensverhältnisse auf den Farmen. Es waren großartige Projekte. Was hatte Chris Willy bloß gemeint? Ich hatte die ganze Sache fast vergessen, bis ich vor etwa 3 Jahren zwei Röstern half, einem von Vashon Island und einem von Whidbey Island, ihren Kaffee direkt bei den Kaffeebauern in den Anbauländern zu kaufen.

Diese Röster führen meine persönlichen Beziehungen fort. Sie sind auf die Kaffeeplantagen gereist, von denen sie ihren Kaffee beziehen, um sich selbst ein Bild von der Arbeit und dem Engagement der Kaffeebauern zu machen. Mit ihrem persönlichen Einsatz beweisen sie ihre Selbstverpflichtung und zollen den Kaffeebauern ihre Anerkennung für deren Leistung. Den Kunden zeigen sie, dass sie dazu beitragen, den Lebensstandard der Arbeiter in Entwicklungsländern zu heben. Das macht zufriedene Kunden und Kaffeebauern. Sie werden sich meine Freude vorstellen können, als ich beide Röster fragte, wie viel zertifizierten Bio-Kaffee sie bezögen und beide antworteten: „Keinen.“ Unabhängig von einander erklärten beide, sie hätten mit den Bio-Zertifikaten Schluss gemacht. Die staatlichen Vorschriften sind zu kompliziert und zu teuer geworden und wir brauchen kein erschwerenden Umstände.

Die Mühen der Zertifizierung lohnen sich nicht. Mit den Erfahrungen auf unseren Reisen machen wir unsere eigenen Programme und erklären in persönlichen Gesprächen diese unseren Kunden. So nehmen die Kunden teil an unseren Erfahrungen und fühlen sich den Kaffeebauern verbunden.“Finca al Gato 05 4c 300x225 1 - Jim Stewart über das Aus für Kaffee-Zertifikate und Bio-Siegel

Jim Stewart und sein Bruder David gründeten Seattle’s Best Coffee. Seattle’s Best Coffee entwickelte sich zu einer der herausragenden weltbesten Kaffee Gesellschaften. Jim Stewart ist wirklich ein Vorreiter für spezielle Geschäftsmodelle und eine Koryphäe auf allen Gebieten der Kaffee Branche.

Aus dem amerikanischen Englisch: Barbara Becker

 

 

 

 

Kaffee – Steckbrief

Name: Jim Stewart

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Kaffee-Expertise:

Er wird als Goodfather des Direkt Trade Kaffees angesehen. Vor über 40 Jahren begann er direkte Beziehungen mit den Kaffeebauern aufzubauen. Gemeinsam mit ihnen definierte er die Umwelt-, Sozial- und Qualitätsstandards für seinen Kaffee. In den ersten Kaffeebüchern, die sich mit Qualität und Nachhaltigkeit beschäftigen, wurde Jim Stewart immer zitiert.

Lieblingskaffee:

Seit einigen Jahren betreibt Jim auf der Kaffeefarm seiner Frau eine Parzelle, wo er mit verschiedenen Varietäten und Aufbereitungsarten experimentiert. Er nennt sie stolz Finca el Gato. Seine Kaffees haben bereits bei Auktionen über 200 USD/lb erreicht. Seinen eigenen Kaffee trinkt Jim – wie viele andere Konsumenten – definitiv am liebsten.

 

 

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Auf der Plantage Santa Elena wendet man ein einzigartiges Aufbereitungsverfahren an: Honey Process, span. „Procesco de Miel“. Dafür wird bei der Waschung eine dünne Schicht des Fruchtfleisches auf der Bohne übrig gelassen und gewartet, bis sie trocknet. Da dieser „Mantel“ viele süße Aromen enthält, verändert das natürlich auch den Geschmack des Endprodukts.

Wir schätzen besonders die milde Süße und das volle Aroma mit Anklängen von Krokant. Und natürlich den Hauch feinen Blütenhonigs. Eine echte Besonderheit, die sich merklich von anderen Kaffees abhebt!

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