Lesedauer: ca. 6 Minuten

Unser regionales Kaffee-Humus-Projekt mit Siegfried Malaj

Siegfried Malaj ist ein besonderer Arbeitgeber. Der Arbeitsplatz: dutzende von Holzkisten. Die Angestellten: zehntausende Würmer. Das Produkt: Wurmhumus, hergestellt aus Pferdeäpfeln – und Silberhäutchen, der dünnen Hülle, die sich beim Rösten von den Kaffeebohnen löst. Damit recycelt Siegfried nicht nur Biomüll. Mit seinem Wurmhumus leistet er sogar einen Beitrag zur Bindung von klimaschädlichen Treibhausgasen…

Es ist noch früh am Morgen, als wir Siegfried auf seiner Lichtung hinterhalb des Schlehdorfer Klosterguts besuchen. Der Geruch von feuchter Erde hängt in der Luft, Nebelschwaden wabern noch dicht über den Wiesen ringsherum. Siegfried stapft mit seinen Gummistiefeln durch den schlammigen Boden. Er steuert zwischen die rund 30 großen Holzkisten, alle randvoll mit frischem Humus. Siegfried gräbt in eine Kiste, holt eine Handvoll samt sich kringelnder Würmer heraus. Der alte Pferdemist dampft in die kalte Morgenluft. Mit prüfendem Blick lässt Siegfried den Humus aus der Hand rieseln und nickt zufrieden. „Das wird guter Humus“, sagt er.

Mann mit Rechen zwischen Holzkisten auf einer Wiese
©malajdesign

Seit einem guten Jahr ist „Die gute Erde“ Siegfrieds großes Projekt. Die Idee dazu kam ihm, als er bei einem Freund eine Zeit lang im Pferdestall ausgeholfen hatte. Täglich kam die Frage auf: was machen mit dem ganzen Pferdemist? Landwirte aus der näheren Umgebung nähmen ihn nur ungern ab oder nur gegen Bezahlung, weil sie selber Mühe hätten, den Mist ihrer eigenen Tiere zu verwerten, erzählt er. Siegfried suchte deshalb nach einer Alternative – und kam dabei auf die Idee, den Mist mit Hilfe von Regenwürmern in wertvollen Wurmhumus zu verwandeln.Dafür verwendet er reinen Pferdemist. Den packt er in die Holzkisten, dazu Zehntausende Regen- und Kompostwürmer, die sich dann durch die Pferdeäpfel graben, sie verdauen und „gute Erde“ daraus machen.

Was macht seinen Humus besonders?

Bei diesem ganzen Prozess bleiben die im Mist enthaltenen Mikroorganismen erhalten, und die Substanz wird angereichert. In Wurmhumus können im Vergleich zu kommerziellem Pflanzendünger deutlich mehr für Boden und Pflanzen wichtige Mineralstoffe nachgewiesen werden wie z.B. Phosphor, Kalzium und Magnesium sowie eine Menge von Enzymen und Mikroorganismen, die Boden und Pflanzen auf natürliche Weise vor Krankheiten wie z.B.  Pilzbefall schützen. Zusätzlich wirken die vielen Würmer als Bodenverbesserer, weil sie sich durch den Boden graben und ihn dadurch belüften.

Handröster für Kaffee in Nahaufnahme, aus dem Silberhäutchen fliegen
Das Silberhäutchen löst sich beim Rösten von den Kaffeebohnen.

Einen Schliff bekommt Siegfrieds Wurmhumus noch durch die Silberhäutchen – die dünnen schützenden Hüllen der Kaffeebohnen, die sich beim Röstprozess ablösen. Ihre Zusammensetzung hat einen großen Anteil präbiotisch wirkender Substanzen, die sich positiv auswirken auf die Flora von Verdauungssystemen. Siegfried ahnt, dass seine Würmer das wissen. „Sie lieben diese Häutchen, es ist immer alles weggefressen“, sagt er. Alle zwei Wochen holt er Nachschub für seine hungrigen Arbeiter direkt aus der Murnauer Kaffeerösterei. „Ist schade drum, wenn man das wegwirft, es ist doch noch so wertig“, sagt er. Damit ist Wurmhumus als bioorganischer Dünger noch wertvoller als nur Mist oder normaler Kompost – „Super-Humus“, wie es Siegfried formuliert.

Aus Humus wird CO2 bindende Terra Preta 

Er geht aber noch einen Schritt weiter: Siegfried macht aus Wurmhumus tiefschwarze Terra Preta. Dabei handelt es sich um besonderen Humus, ursprünglich aus Küchenabfällen und Exkrementen, versetzt mit Holz- oder Pflanzenkohle. Bereits vor über 2.000 Jahren stellten indigene Völker Terra Preta her. Pflanzenkohle wirkt hier wie ein „Super-Booster“: mit ihrer großen und porenreichen Oberfläche wirkt sie in Terra Preta wie ein Langzeitspeicher für Mikroorganismen, Nährstoffe und Wasser. Die Nährstoffe werden auch bei starkem Regen nicht ausgespült, der Boden bleibt so noch nach vielen hundert Jahren unverändert fruchtbar. Bodenkundler haben z.B. im Amazonasgebiet über 2.000 Jahre alten und immer noch fruchtbaren Terra Preta-Bestand entdeckt.

Holzkisten mit Humus

Eine weitere Entdeckung mit enormem Potenzial: ein Großteil des Kohlenstoffs bleibt dabei in den Pflanzen erhalten, der bei normaler Zersetzung als CO2 in die Luft entweicht. Jedes Kilogramm Pflanzenkohle entzieht der Luft also auf diese Weise etwa 3kg CO2. Dieser klimaneutralisierende Effekt von Terra Preta wird erst jetzt richtig entdeckt. Ob es im größeren Stil Anwendung in der Landwirtschaft findet? Wissenschaftler jedenfalls sehen großes Potenzial in Terra Preta, um fruchtbaren Dauerhumus aufzubauen und CO2 zu reduzieren. Diesen Effekt zeigt Terra Preta auch bei Methan, das während des Verdauungsprozesses bei z.B. Rindern und Pferden entsteht und in der Atmosphäre bis zu drei Mal schädlicher wirkt als CO2. Emissionen entstehen auch durch die Lagerung von Mist. Laut einer Statistik, erstellt vom Kompetenzzentrum Pferd Baden-Württemberg, fallen pro Pferd an die elf Tonnen im Jahr an. Bei einem Pferdebestand von knapp 850.000 Pferden in Deutschland kommen rund 9.350.000 Tonnen zusammen.

Siegfried will etwas gegen diese Emissionen tun, indem er so viel Pferdemist so früh wie möglich neutralisiert. In seinen Holzkisten kringeln sich die Würmer durch insgesamt etwa zehn Tonnen Pferdeäpfel. Damit erhält knapp ein Pferd auf einer Schlehdorfer Koppel eine klimaneutrale Jahresabsolution. Es dauert etwa ein halbes Jahr, bis die Würmer den Mist in wertvolle Erde verwandelt haben. Zeit, in der Siegfried nichts damit verdient. „Dieser Kreislauf dauert eben seine Zeit“, sagt er. Dann aber könne seine Terra Preta eingesetzt werden als bioorganischer Dünger nicht nur im Gemüsebeet, sondern auch im großen Stil auf ausgelaugtem Ackerboden und als Unterstützung zum Aufbau von fruchtbarem und klimafreundlichem Dauerhumus. „Die Natur wirft nichts weg, alles ist im Kreislauf des Lebens und bleibt wertvoll und nützlich, eine gute Sache“, sagt Siegfried. Gerade deshalb überzeuge ihn dieses Projekt so sehr – und er denkt schon darüber nach, wo er die nächsten Holzkisten hinstellt …

 

Quellen:

  • Umweltbundesamt
  • Ute Scheub/Stefan Schwarzer, Die Humusrevolution, 2017
  • Schmidt HP, Kammann C, Gerlach A, Gerlach H: Der Einsatz von Pflanzenkohle in der Tierfütterung, Ithaka-Journal 2016
  • Jasper Rimpau, Biologie und Ökologie von Regenwürmern, wurmwelten.de
  • Sigrid Hestermann, Kaffeesatz hat positive Auswirkungen auf den Kompost, gartenjournal.net
  • Gregor Überleis, Werkstoffanwendungen mit Abfällen aus der Kaffeeröstung, 2018
  • umweltschutz-und-lebenshilfe.de